roland dahinden | composer – performer

Die Welt des Roland Dahinden

Es ist eine seltsame Distanz, die Roland Dahinden in seinen Kompositionen zwischen der Musik und dem Hörer aufzuspannen scheint: Die bei mode records in New York veröffentlichten, zwischen 2000 und 2004 entstandenen Streichquartette Nr. 2 bis 5 signalisieren mit ihrer monochrom wirkenden Klangfarbengestaltung zunächst eine hermetische Verschlossenheit, die sich dem direkten Zugriff verweigert. Bei genauerem Anhören beginnt sich allerdings die zwingende und doch unvorhersehbare Logik dieser filigranen Kammermusik zu erschliessen, und hinter den changierenden Klängen, die sich immer am Rande der Zerbrechlichkeit bewegen, öffnet sich der Hörwahrnehmung eine enorme Weite. Dieses paradox anmutende Verhältnis zwischen Gesamteindruck und Detail resultiert aus der kombinatorisch geregelten Wiederkehr von Elementen eines begrenzten Materialreservoirs
– von Elementen, die in Abfolge, Beschaffenheit und Dichte ihres Zusammenklangs ständig verändert werden und sich dadurch zu unberechenbaren Tonraumausfüllungen und harmonischen Farbgebungen zusammenfügen. Die Partituren, vom Komponisten in «space notation» mit gewissen Freiheiten für die Interpreten notiert, werden vom Streichquartett des Klangforums Wien mit hohem Perfektionsgrad in Intonation und Zusammenspiel umgesetzt. Höhepunkte sind für mich die Streichquartette Nr. 3 und 4, die aufgrund der zur Räumlichkeit erweiterten Stereophonie beim Hören mit Kopfhörer ein faszinierendes, räumlich erfahrbares Wechselspiel der Klänge offenbaren und dadurch wohl am ehesten Dahindens Vorstellung vom Ineinandergreifen innerer und
äusserer Klangraumbewegungen entsprechen.
Angesichts solch introvertierter Hörsituationen in intimer Kammermusikbesetzung mögen andere Arbeiten aus
den Grenzbereichen von Jazz und zeitgenössischer Musik auf den ersten Blick zwar irritieren, gehören aber
dennoch zur künstlerischen Gesamterscheinung des Composers/Performers Roland Dahinden. Bezeichnend hier-

für ist das bei Hat Hut Records veröffentlichte Projekt Concept of Freedom auf der Grundlage von Anthony Braxtons Composition No. 257, dessen Realisierung den beteiligten Musikern – neben Dahinden an der Posaune Hildegard Kleeb (Klavier), Dimitrios Polisoidis (Violine) und Robert Höldrich (Live-Elektronik) – ein hohes Mass an Freiraum für die improvisatorische Gestaltung lässt. Die zwischen angespannter Nervosität auf der einen und poetischer Klangauslotung auf der anderen Seite changierende Aufnahme erweist sich in dramaturgischer Hinsicht
als Glücksgriff, denn sie fängt die stellenweise überbordende Virtuosität ebenso gut ein wie jene Momente voller deklamatorischer Intensität, in denen die Musiker gleichsam zu Sprechern oder agierenden Personen einer Geschichte zu werden scheinen.
Wiederum ganz andere Töne schlägt Dahinden gemeinsam mit Roland Schiltknecht (Hackbrett) und Gabriel Schiltknecht (Perkussion) auf der bei Zytglogge erschienenen CD bann an. In elf musikalischen Skizzen, gedacht
als Hommage an die Landschaft der Glarner Berge, entwerfen die Musiker ein sinnliches Klangpanorama, in dem Dahindens ruhige Alphorn- und Posaunen-Melodiebögen gelegentlich auch arabeskenhaft in die Höhe steigen
und sich mit farbig-bewegten Harmoniehintergründen und rhythmisch subtilen Perkussionsspiel vereinigen. Ist
das «Ethnojazz» mit experimentellem Einschlag im weitesten Sinne? Vielleicht: aber eigentlich braucht die Musik keine Etikettierungen, denn sie überzeugt durch ihre Intensität und tritt – obgleich ganz anders ausgerichtet – in Dahindens künstlerischer Welt gleichberechtigt neben die komponierten Klänge.


Stefan Drees in dissonanz # 100. Dezember 2007


Christian Wolff
TILBURY PIECES / SNOWDROP
Roland Dahinden / Hildegard Kleeb / Dimitrios Polisoidis
MODE 74

"Strictly applied chance procedures are the ultimate systemic procedures," writes Christian Wolff in his notes to his "minimalist" series of pieces (whose title refers of course to pianist John Tilbury, an associate of long standing). Anyone expecting old-school minimalism will be somewhat bemused by these deceptively fragile works, though: Wolff's underlying compositional systems are far from instantly discernible ("the idea is that sounds come in fixed cycles, like planets in a solar system. For example, sound x appears at a more or less fixed duration every 54
beats, sound y every 29, sound z every 11, and so forth."), and the flexibility of instrumentation, choice of clef and open- form structures reveal his evident desire on a musico-political level to leave the performer a certain degree
of freedom-this in sharp contrast to the minimalism of Reich and Glass, where performers effectively become mere components of a machine ("once the process is set up and loaded it runs by itself", wrote Reich in 1968).

The piece here that most resembles the repetitive surfaces of mainstream minimalism, "Snowdrop", is Wolff's notated realisation of an open system similar to those used in the "Tilbury" series, though its gently rolling
arpeggios are light years away from Phil Glass (who hadn't yet patented the arpeggio back in 1969 and 1970, when
all but one of these works were written). The other pieces, their notes delicately poised in silence like flecks of
paint on a blank canvas, turn back in the direction of Feldman and Cage (and ultimately Satie), rather than towards
the austere droneworld of Young or the incessant chatter of Reich and Glass. The turn on/tune in/drop out aspect of minimal music (that endeared it to drug-ravaged rockers and ambient new-agers alike) is anathema to Wolff; as
such, perhaps one shouldn't dwell on the minimal connection, though it is comforting to note that he has been able
to return to the "Tilbury" series in all its limpid freshness recently ("Tilbury 5" dates from 1996), at a time when Reich has all but dried up altogether and Glass has lost all sense of what he's doing, awash in a sea of aimless twiddling.




 



Flying White impressions

Silberen impressions

Concept of Freedom impressions

Naima impressions

borderline impressions