| roland dahinden | composer – performer |
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Die Musik, oder besser, um gleich von
allem Anfang an das interdiszipläre
Denken, das den Klängen zu Grunde
liegt, mitschwingen zu lassen, die Kunst von
Roland Dahinden besticht durch eine unüberhörbare
Hermetik, der paradoxerweise ebenso
unüberhörbar große Offenheit eigen ist. Diese
Charakteristik teilt die Kunst Roland Dahindens
mit dem OEuvre manch Großer, von Robert
Rauschenberg und John Cage bis weit zurück
in die Vergangenheit ebenso wie bis weit
voraus in die Gegenwart. Oft, aber bei weitem
nicht immer, ist diesen Versuchen, dem vorgeblich
Gestaltlosen, der Textur des Materials, der
selbstreflexiven Materialität des Zeichens, dem
Monochromen dann doch Gehalt und Gestalt
abzugewinnen, oft ist diesen Versuchen etwas
säkularisiert Transzendentes eigen, etwas
Erhabenes, aber nicht im altdeutschen Sinn des
Wortes, sondern eher im Sinne der Terminologie
von Lyotards „l’analytique du sublime“.
Sich einen Begriff machen heißt auf
Englisch, sagt das Wörterbuch, „imagine“, sich
ein Bild machen.1 Sich einen Begriff machen,
sagt ein anderes Wörterbuch, ließe sich im
Deutschen durch das Synonym „abstrahieren“
ersetzen.2 „Bild“ meint offensichtlich nicht nur
ein figürliches Abbild – den traditionellen
Hauptangriffspunkt des Bilderverbots –, sondern
die Fixierung einer Vorstellung als Begriff.
Weil sich das Entwickeln solcher Begriffe mit
Mechanismen des Erkennens verbindet, ist das
Bild verantwortlich für die Vertreibung aus
dem Paradies. Der Gewinn jener Kriterien und
Raster, die zur Erkenntnis führen, zerstört jene
Unmittelbarkeit des In-der-Welt-Seins, die das
Unbegriffliche (und Unbegreifliche) des
Paradieses ausmacht. Was für das Bild und das
Entwickeln der Begriffe zutrifft, gilt aber nicht
notwendigerweise für einen Plural des Bildes,
für Bilder unabhängig von begrifflicher
Rasterung. Ein vorgefertigter Begriff, von dem ausgegangen werden könnte, eine Idee, der nachgekommen werden müßte, ist obsolet geworden. Die Vorstellung einer vorgeordneten Idee weicht dem Entwickeln von Möglichkeiten. Den ableitbaren Begriffen wird bestenfalls temporäre Wirksamkeit zugestanden. „Universalia sunt nomina ergo post rem“ („Allgemeinbegriffe sind Namen und daher den realen Dingen nachzuordnen“) war das Credo der mittelalterlichen Nominalisten in ihrem Kampf gegen jenen Gottesbeweis der Realisten, der – in Abwandlung Platons – die Schöpfung als Verwirklichung präexistenter Ideen darzustellen suchte. Aus dieser Konstellation heraus gilt es nun in der Kunst und mit Kunst jene Art von Bilderverbot zu definieren, die nicht Herrschaft sichert, sondern Räume öffnet. Die Abfolge der Klänge in Roland Dahindens Musik, in dem einem Stück oder in der einen Passage etwas dichter, dann wieder und meist aber wie von großer innerer Ruhe und einer Liebe zur Distanz getragen, sie scheint schon auf der ersten Ebene des Zuhörens den Titeln – in denen sich ja die Beziehung zur Bildenden Kunst direkt mitteilt – ganz unmittelbar zu entsprechen. Dass diese Musik in ihrer Fragilität so leicht werden will wie das Gewicht des Schattens, so durscheinend wie flying white Blattweiß, so aus sich heraus leuchtend wie das Mondlicht auf der Oberfläche des Mondsees, das entspricht ganz direkt der oft das Monochrome, ihre Textur, ihre Materialität zum Erzählen bringenden Kunst, die Roland Dahinden am nächsten ist. Aber das alleine bringt noch niemanden näher ans „paradise lost.” Begriffe, sagte Peter Kubelka kürzlich in einem Vortrag, sind Mythologie, Erfundenes; es gäbe gar keine „Liebe“, kein „Denken“, kein „Sein“. Was es einzig gibt, sind Spuren, wie Spuren im Schnee oder im Geröll, Spuren, die in unserer Erfahrung mehr oder weniger lang erhalten bleiben (und uns manchmal mit der Illusion von Begriffen versorgen und wie könnte dieser Gedanke präziser in ein Bild gebracht werden als in Richard Longs Cover-Bild für diese CD). Diesen Spuren bloß kann man vertrauen, diesen Spuren, und das versucht wohl die Musik von Roland Dahinden in ihrem flüchtigen Klingen in Relation zu Bild und Begriff, diesen Spuren nachzuspüren und zu wissen, dass es mehr auch gar nicht gibt als dieses Nachspüren, dass keine größere Nähe erreichbar ist, dass man näher nicht mehr herankommen kann ans Paradies. Christian Scheib |